Nicht nur Schwangere müssen auf genügend Folsäure achten

Zunächst eine Begriffsklärung: Mit dem Begriff Folsäure ist ein künstlich hergestelltes Vitamin gemeint, auch Vitamin B 9 genannt. Die in der Natur vorkommenden Verbindungen dieses Vitamins werden als Folate bezeichnet. Im alltäglichen Sprachgebrauch werden beide Formen unter Folsäure zusammengefasst.

Das Vitamin ist hitze- und lichtempfindlich, außerdem wasserlöslich. Seinen Namen verdankt es dem lateinischen Begriff „folium“ (Blatt), da es zuerst aus Spinatblättern isoliert wurde. Doch wozu braucht der Körper Folsäure? Allgemein bekannt ist, dass Schwangere zusätzlich Folsäure in Tablettenform einnehmen sollen. Denn bei einem Mangel drohen ungeborenen Kindern Missbildungen wie der sogenannte offene Rücken (Spina bifida), ein Defekt des Neuralrohres. Außerdem kann ein Mangel zu Autismus führen und die Neigung zu einer Frühgeburt oder angeborenen Herzfehlern verstärken.

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Aber auch wer nicht schwanger ist, benötigt Folsäure für zahlreiche Prozesse: Bei Zellteilung und Zellentwicklung, der Bildung der Erbsubstanz DNA, der Blutbildung, im Eiweißstoffwechsel und im Fettstoffwechsel wird Folsäure gebraucht. „Ein Folsäuremangel tritt häufig als Folge von erhöhtem Alkoholkonsum, Darm- oder Lebererkrankungen auf“, erklärt der Internist Dr. Reinhold Lunow. Der ärztliche Leiter der Praxisklinik Bornheim nahe Köln und Bonn weiter: „Die Symptome sind oft unspezifisch: Reizbarkeit, Konzentrationsschwäche, depressive Verstimmung, Erschöpfung, Übelkeit, Durchfall, Gewichtsverlust, aber auch eine Entzündung der Zunge (Glossitis) und Blutarmut (Anämie) können auftreten.“

Folsäuremangel begünstigt Arteriosklerose

Ebenso begünstigt ein Mangel die Entstehung von Arteriosklerose und erhöht das Risiko, Herz- und Gefäßkrankheiten zu erleiden einschließlich Herzinfarkt und Schlaganfall. Im Alter steigt die Gefahr, an Demenz zu erkranken.

Da der Körper Folsäure nicht selbst herstellen kann, muss das Vitamin über die Nahrung zugeführt werden. Vor allem Hefe, Weizenkeime und Weizenkleie, Kalbs- und Geflügelleber enthalten reichlich Folsäure. Weitere Lieferanten sind Vollkornprodukten, grünes Blattgemüse, Spinat, Brokkoli, Karotten, Spargel, Rosenkohl, Tomaten, Eigelb und Nüsse.

Die Folsäure-Konzentration im Blut liegt bei 5–20 μg/l (Mikrogramm/Liter). „Die empfohlene Tagesdosis beträgt für Männer und Frauen gleichermaßen etwa 300 bis 400 µg; während der Schwangerschaft sind 800 µg angeraten“, sagt Dr. Lunow. Unser Körper kann maximal 12 bis 15 mg (Milligramm) Folsäure speichern, was für etwa drei bis vier Monate reichen würde, wenn ihm keine Folsäure mehr zugeführt würde.

Körper kann Überangebot an Folsäure nicht verarbeiten

Damit das Vitamin in den verschiedenen Stoffwechselprozessen wirksam werden kann, ist ein Umwandlungsprozess notwendig: Der Körper wandelt die Folsäure in das sogenannte Koenzym Tetrahydrofolat (THF) um. Steigt die Folsäure-Konzentration an, wird aufgrund der begrenzten Geschwindigkeit dieses Prozesses jedoch nicht mehr THF hergestellt. Vielmehr nimmt die Menge der noch nicht umgesetzten Folsäure zu – und überlagert ggf. einen Vitamin-B12-Mangel mit einer Schädigung des Nervensystems.

Ist zu wenig Folsäure vorhanden, werden Zellteilungsvorgänge beeinträchtigt, da die dafür notwendige Bildung neuer DNA von Folsäure abhängt. Es steht zuwenig THF zu Verfügung, um ausreichend Nucleobasen (Adenin, Guanin und Thymidin) zu bilden.

Inwiefern zu viel Folsäure darüber hinaus der Gesundheit schadet, ist derzeit umstritten, da bislang zu wenige Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt wurden. Eine zu hohe Konzentration steht im Verdacht, die Entstehung verschiedener Krebsvorstufen zu begünstigen. Wegen seiner Beteiligung an der Zellteilung wird in der Krebstherapie die Aufnahme von Folsäure z. T. mit Medikamenten unterdrückt, um das Krebswachstum zu stoppen.

Demgegenüber haben Wissenschaftler herausgefunden, dass eine zusätzliche Folsäure-Aufnahme das Risiko für manche Krebsarten (Krebs im Mund- und Rachenraum, Brustkrebs, Darmkrebs, Blasenkrebs, Prostatakrebs) senkt.

Vielen Nahrungsmitteln wird Folsäure zugesetzt

Zahlreichen Lebensmitteln wird heute Folsäure zugesetzt, vor allem Müslimischungen, Fruchtsäften, Milchprodukten und Salz. Der Griff zu Nahrungsergänzungsmitteln mit Folsäure in Tablettenform ist daher ein zweischneidiges Schwert.

„Eigentlich können gesunde Menschen ihren täglichen Bedarf an Folsäure über eine ausgewogene Ernährung decken“, so Dr. Lunow. „Die Realität sieht jedoch oft anders aus: Die wenigsten Menschen essen täglich fünf Portionen Obst und frisches Gemüse. Vier von fünf Deutschen nehmen pro Tag nur zwischen 200 und 300 Mikrogramm zu sich und bleiben damit unter ihrem Bedarf.“

Vor Folsäurepräparaten steht die ärztliche Diagnose

Soll man also auf entsprechende Nahrungsergänzungsmittel zurückgreifen und zusätzlich Folsäure in Tablettenform zu sich nehmen? „Nein“, sagt der Experte für Vorsorge und Diagnose. „Bevor man zu solchen Präparaten greift, sollte man seinen aktuellen Folsäurewert kennen. Und den liefert schnell und zuverlässig nur eine Blutuntersuchung. Mit dem Hausarzt sollte man dann klären, ob und wie viel zusätzliche Folsäure notwendig ist.“

Im Bluttest zeigt sich ein Mangel sich schon nach zwei bis drei Wochen, in denen man zu wenig Folsäure aufgenommen hat: Dann sinkt die sogenannte Plasmafolsäure im Blut. Eine dauerhafte Unterversorgung lässt sich über das in den roten Blutkörperchen enthaltene Folat feststellen, dessen Konzentration sinkt.

Neben der Blutanalyse und einer körperlichen Untersuchung sollte man also auch seine Essgewohnheiten überprüfen. „Hier hilft die spezielle Ernährungsberatung in unserer Praxisklinik“, sagt Dr. Lunow. „Gerade bei der Folsäure kommt es nicht nur darauf an, was wir zu uns nehmen. Auch die korrekte Zubereitung der Nahrung ist entscheidend. Damit die Folsäure nicht verloren geht, müssen Lebensmittel schonend zubereitet werden: möglichst kurz gewässert und schonend gegart. Sonst geht das Vitamin verloren, bevor das Essen auf unserem Teller landet.“

(Bild: Vitstudion-Fotolia.com)

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